Teure Vergesslichkeit

Eine gute Freundin und aufmerksame Leserin dieses Blogs (liebe Grüße an dieser Stelle) brachte mich auf die Idee, doch mehr auf mein Leben mit ADS einzugehen und ich habe mich entschlossen, das zu tun. Betroffene werden sich sicherlich in vielem wiedererkennen und können so sehen, dass sie nicht allein sind. Gerade in der Phase nach der Verdachtsäußerung eines Facharztes und kurz nach der Diagnose, kann es helfen, Erfahrungsberichte von anderen zu lesen. Und mir kann es helfen, langfristig Veränderungen bei mir selbst zu erkennen.

Vor kurzem erschien auf Bento ein wunderbarer Erfahrungsbericht von Kathrin Weßling. Sie selbst hat ADHS und, wie ich, erst nach ihrem 30. Lebensjahr davon erfahren. Darin ernannte sie sich selbst zur Chaoskönigin. Nun, dann ernenne ich mich hiermit zum Chaoskönig. Schließlich heiße ich sogar mit Nachnamen König. Frau Weßling, ich hoffe, sie haben nichts dagegen. 😉

Jetzt habe ich kurz überlegt, worüber ich als erstes schreiben könnte, bis mir einfiel, dass mir gerade tatsächlich etwas passiert ist, was typisch für ADS ist. Nicht-Betroffene werden es lesen und denken, ich sei schlicht faul oder dusselig. Betroffene werden es verstehen und sich vermutlich wiedererkennen.

Also.. Wo fange ich an? Am besten am Anfang. Im September hatte ich bei meinem Internetanbieter meinen Tarif verändert. Dem Chaoskönig dürstete es nach schnellerem Internet. Dafür bekam ich ein neues Gerät zugeschickt und seitdem läuft alles auch ganz gut soweit. Auf jeden Fall ist das Internet schneller. Wenn auch nicht unbedingt stabiler, aber das soll jetzt nicht Thema sein. Das alles war Mitte September. Ende September bekam ich dann eine E-Mail von meinem Internetanbieter, in der ich aufgefordert wurde, meine alten Geräte zurückzuschicken. Würde ich sie nicht zurückschicken, müsste ich 60 Euro zahlen. Also dachte ich: „Ich weiß zwar nicht, was die mit den alten und völlig zugequalmten Geräten wollen, aber dann schick ich sie eben zurück.“ Gleich in der ersten Oktober-Woche sollte es losgehen.

VORSICHT! SPOILERWARNUNG!

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Das habe ich nicht getan. Bis heute nicht.

Vorgestern erhielt ich eine E-Mail von meinem Internetanbieter, worin ich darüber informiert wurde, dass eine neue Online-Rechnung vorläge. Wie jeden Monat. Ich überprüfte die Rechnung und fiel plötzlich aus allen Wolken, denn darin wurden mir die bereits angedrohten 60 Euro berechnet. Ich hatte tatsächlich vergessen die Geräte zurückzuschicken. In der ersten Oktober-Woche hatte ich noch daran gedacht, doch die Woche war recht vollgestopft mit einigen Geburtstagen in meiner Familie (u. a. meinem eigenen). Die Woche danach war die stressigste seit langem, da ich als Betroffener 3 Tage lang eine 8. Klasse besuchte und dort, gemeinsam mit Experten, über (stoffgebundene und stoffungebundene) Süchte und psychische Krankheiten referierte. Da ich ewig nicht mehr so lange auf den Beinen war, war das sehr anstrengend für mich, wenn auch sehr belohnend. Nichtsdestotrotz dachte ich nicht daran die Geräte zurückzuschicken. In der folgenden Woche dachte ich sogar kurz daran und entschied mich, das mit meinem Bezugsbetreuer zu erledigen. Als wir unseren Termin hatten, war es schon wieder aus meinem Gedächtnis verschwunden und bis vorgestern auch nicht wieder aufgetaucht. Verdammter Mist.

Aktuell bin ich in Verhandlungen mit meinem Internetanbieter, um zu verhindern, dass mir die 60 Euro berechnet werden, da ich mir dieses Loch in meinem Budget kaum leisten kann. Und ich bin ja absolut bereit und gewillt die Geräte zurückzuschicken. Eine Gutschrift konnte ich schon herausholen, auch wenn mir das diesen Monat nicht hilft. Vielleicht geht ja noch mehr.

Mein Fehler war, dass ich mir die Geräte nicht sichtbar irgendwo hingelegt hatte, um so täglich visuell daran erinnert zu werden, das da ja noch etwas war. Das muss ich übrigens sogar mit meinen Tabletten machen, die ich täglich einnehme. Sonst vergesse ich selbst die. Das liegt daran, dass unser Gehirn, wie Frau Weßling in ihrem Artikel so schön schrieb, „immer on ist“ und „einer Starkstromleitung“ entspricht. Demnach gibt es keine Pause, die uns erlaubt zu überlegen, was sonst noch anliegt. Nicht-Betroffene werden jetzt sicherlich an To-Do-Listen oder ähnliches denken, worüber ich mit anderen Betroffenen nur lachen kann. To-Do-Listen sind für Menschen, die nur vergesslich sind und nicht wissen, was Prokrastination ist. Wir AD(H)S’ler haben Prokrastination erfunden und leben sie (unfreiwillig). Bis vor kurzem hatte ich ganz gute Erfolge mit „Gamification“, doch auch das funktioniert mittlerweile nicht mehr.

Ich will versuchen zukünftig konsequenter darin zu sein, mir Dinge, an die ich denken muss, in den Weg zu legen. Ob das immer klappt, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall habe ich die Geräte gerade, während ich diesen Post schrieb, herausgeholt und mir in den Weg gestellt. Ha! Direkt noch einen Vorteil gefunden, warum ich über mein Leben mit ADS schreiben sollte. So darf es gerne weitergehen.

Am Montag will ich mich um den Versand kümmern. Mit meinem Bezugsbetreuer. Ich werde hier am Montagabend ergänzen, ob ich es auch getan habe.

Die Geräte wurden Montag erfolgreich versandt.
Die 60 Euro habe ich im Dezember auch zurück erhalten.

Roger Verfasst von:

36-jähriger Nerddeutscher (Vorsicht! Wortspiel!), der in diesem Blog über sein Leben mit ADHS berichtet.

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