Herausforderungen

Ich habe gestern die Zusage für einen Schulplatz an einer Fachschule für Heilerziehungspflege erhalten. Darüber freue ich mich sehr. Denn obwohl ich mir sicher war, dass ich mich im Vorstellungsgespräch gut verkauft hatte, waren bei mir Restzweifel geblieben. Wie viele Schulplätze sind überhaupt zu vergeben? Ob sich sehr viele bewerben? Was wenn ich denen doch zu alt bin? Was wenn die (noch) ungeklärte Finanzierung ein Problem ist und sie lieber jemanden möchten, bei dem/der alles bereits geklärt ist?

Dabei blieb ich jedoch die ganze Zeit über optimistisch und hätte die Chancen so bei 60/40 für eine Zusage gesehen. Als ich den Brief aus meinem Briefkasten holte und sah, dass er von der Schule war, wollte ich Ihn eigentlich mit in meine Wohnung nehmen und erst dort öffnen. Im ersten Stock hielt ich die Spannung dann jedoch nicht mehr aus und öffnete ihn. Ich las den Betreff, begann zu strahlen und steckte den Brief wieder in den Umschlag. Erst in meiner Wohnung las ich den Rest. Ich hatte hart für mein Ziel gekämpft. Erst im November hatte ich mich für diese Ausbildung entschieden und wusste, dass ich mich bis Ende Februar bewerben würde müssen. Allein die Frage, welche Vorqualifizierungen ich erfüllen müsste und ob ich diese überhaupt erfüllen konnte, zog sich lange hin. Dabei ging es vor allem um die praktische Erfahrung, die ich bereits hatte. Zählte mein Zivildienst oder nicht? Dies zog sich bis Ende Januar ehe ich Klarheit hatte. Somit hatte ich neun der geforderten zwölf Monate Praxiserfahrung bereits erreicht. Bis zum Beginn der Ausbildung würde ich also noch drei Monate Praktikum machen müssen, um auf die geforderten zwölf zu kommen. Dieses Praktikum beginnt für mich am 1. April. Ich werde es bei der Sozialpädagogischen Familienhilfe machen und freue mich bereits sehr darauf. Außerdem brauche ich nach der Zeit bei der Computer-Schule dringend eine neue Herausforderung. Und zuhause zu sitzen, ist keine Option.

Noch immer ist die Finanzierung meiner Ausbildung nicht geklärt. Zwischenzeitlich hatte ich mich beim Amt für Ausbildungsförderung erkundigt, ob ich Anspruch auf elternunabhängiges BAföG hätte und die Dame sagte mir, dass die Chancen schlecht stünden. Meine eigene Recherche ergab dann, dass ich wohl doch ordentliche Chancen hätte, da ich zwar über 30 bin, jedoch mit meiner Erstausbildung und Erwerbstätigkeiten, sowie gleichgestellten Zeiten, auf mehr als 6 Jahre komme. Der Antrag auf BAföG ist soweit bereits fertig ausgefüllt und eine Liste der Belege, die ich dafür noch benötige, ist von mir erstellt worden. Ungefähr die Hälfte befindet sich bereits in meinem Besitz, müssen nur noch kopiert werden. Was noch nicht vorhanden ist, wurde angefordert. Ich glaube, ich habe mich gut vorbereitet.

Neben BAföG musste ich mich jedoch auch darum kümmern, dass das Jobcenter mir im Zweifel meinen Lebensunterhalt weiterzahlt während der Ausbildung, sollte BAföG nicht reichen. In den letzten Wochen wurde ich dafür vom Jobcenter zum Berufspsychologischen Service der Arbeitsagentur geschickt, damit diese meine Leistungsfähigkeit beurteilen. Ich habe in fast jedem getesteten Bereich überdurchschnittlich gut abgeschlossen. Ausnahmen: Räumliches Vorstellungsvermögen und teilweise Mathe (Bruchrechnung).

Das Gespräch mit der Diplom-Psychologin war dann jedoch recht ernüchternd. Man fürchte einen Rückfall aufgrund meiner Suchtkrankheit. Das ehrt sie, nur sind sie da völlig alleine. Versteht mich nicht falsch, ich bin mir absolut bewusst, dass das Risiko nie zu 100% ausgeschlossen werden kann. Aber ich vertrete inzwischen die Einstellung, dass man, wenn man immer erst darauf wartet, dass alles zu 100% passt, nie etwas erreichen wird. Zumal mein Netzwerk (Facharzt, Hausarzt, Betreuung, Therapeut, Freunde, Familie) und ich, mich absolut bereit für die Ausbildung sehen. Außerdem muss ich im Vorwege ja ohnehin noch das Praktikum machen, welches für mich gleichzeitig Test und Vorbereitung ist, ob und wie ich auf Vollzeitarbeit reagiere. Denn im Moment arbeite ich ja nur 20 Stunden pro Woche. Wie ich mich kenne, werde ich mich in den ersten zwei Wochen an die Situation gewöhnen und hinein wachsen. Ich werde mein Leben den neuen Rahmenbedingungen anpassen, so wie ich es in den letzten zwei Jahren gelernt habe.

Vor ungefähr eineinhalb Jahren war es mir noch zu viel pro Woche an mehr als 3 Tagen das Haus zu verlassen. Inzwischen fühle ich mich eher unwohl, wenn ich an mehr als 3 Tagen das Haus mal NICHT verlasse.

Ich brauche im Moment neue Herausforderungen, an denen ich wachsen kann. Denn ich will wachsen und mich weiterentwickeln. In der letzten Woche ist mir klar geworden, dass es das bisher in meinem Leben noch nie gab. Ich bin ehrgeizig, selbstbewusst, zielstrebig und motiviert. Ich habe mich bisher immer mit mir in meiner schlimmsten Phase verglichen – depressiv, antriebslos, betäubt und isoliert. Das ich mir da inzwischen wie ein  völlig anderer Mensch vorkomme, ist ja klar. Wenn ich jedoch noch weiter zurückgehe, in die Zeit in der ich noch nicht gekifft habe – damals war ich 17 oder 18 Jahre alt – dann war ich damals nicht gerade selbstbewusst und schon gar nicht zielstrebig. Ich hatte mir die Ausbildung damals nicht ausgesucht. Ich machte die Ausbildung, weil meine Eltern wollten, dass ich eine Lehre mache und ich dachte, dass man „dies ebenso mache“. Das wäre für mich heute nicht vorstellbar. Eben weil ich inzwischen Ziele, Pläne und Träume habe und bereit bin für diese zu kämpfen. Deshalb glaube ich, dass ich im Moment die beste Version von mir bin, die es bisher gab.

Das alles ist natürlich kein Grund jetzt auf einmal aufzuhören. Ich habe Blut geleckt und sehe meine bisherige Entwicklung und die kommenden Herausforderungen als Ansporn, eben nicht aufzuhören und niemals aufzugeben.

Roger Verfasst von:

35-jähriger Nerddeutscher (Vorsicht! Wortspiel!), der in diesem Blog über sein Leben mit ADHS berichtet.

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.